Lehrerberichte /Kommentare Mai 2009 (10)
Verfasst von bsalutzki am 1. Juni 2009
Lehrer, NaWi, Gymnasium, Hessen
Gesendet am 29.05.2009 um 16:39
Es ist wieder mal Zeit für die Steuererklärung. Das hat sehr wohl etwas mit meinem Unterricht zu tun, denn aus diesem Anlass forciere ich einen Vorgang, den ich begonnen habe, als die Politiker beschlossen haben, dass das Arbeitszimmer von Lehrern nicht mehr steuerlich absetzbar sein soll.
Ich belegte etwa 20 qm Wohnfläche mit Büchern, Aktenordnern, PC, Ablagen und einer großen Menge von Experimentier- und Anschauungsmaterial, für das in der Schule kein Platz ist. Ich arbeite mal weniger mal mehr daran, meine Bestände auf ein Zehntel zu reduzieren. Alles, was ich nicht unabdingbar brauche, fliegt raus. Das waren bisher etwa 200 Bücher, der Inhalt von etwa 40 Aktenordnern und etliche Kartons mit Material für den nat.wiss. Unterricht. Wenn die Politik meine Arbeit unbedingt missachten will – bitte schön! Ich kann auch Schmalspurunterricht machen.
Lehrer, Gymnasium Berlin, im 3. Jahr
Gesendet am 25.05.2009 um 23:19
Es ärgert mich, dass über Lehrer und solche, die welche werden wollen, derart schlecht gedacht wird. Ich kann auch nicht sagen, dass es mir egal ist, denn dies ist der Grund, warum ich hier meinen Kommentar abgebe. Ich wünsche mir etwas Respekt, da auch mein Studium hart war und man als Lehrer täglich einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt ist. Leider wälzen viele Eltern die Erziehung ihrer Kinder an die Schule ab. Ganz besonders in den Gymnasien wird der Beruf des Lehrers falsch verstanden. Wir wollen zunächst mal Bildung vermitteln, nicht primär Erziehungsarbeit leisten. Dies ist für viele Pädagogen enorm schwierig und erfordert gerade von uns jüngeren Lehrern Nerven wie Drahtseile.
Liebe Eltern, stellt euch mal vor 29 pubertierende Teenies, und dies viele Stunden am Tag. Ihr verzweifelt schon oft an den pubertären Ausbrüchen eures einen eigenen Kindes! Besucht uns doch einmal in der Klasse, korrigiert auch noch diese 29 Arbeiten und kümmert euch noch um die Wünsche der Eltern und die mühevolle Bürokratie. Viel Spaß!
Physiklehrer, Hessen
Gesendet am 22.05.2009 um 14:28
Ich habe gerade Ihre April-Anfrage zum Thema defekte/fehlende Unterrichtsmaterialien gelesen.
Ich habe selbst vor Jahren eine Physiksammlung betreut. Es gab 2 Entlastungsstunden, was etwa 3 Stunden weniger wöchentliche Arbeitszeit bedeutet. Um die Sammlung einigermaßen in Schuss zu halten, habe ich wöchentlich etwa das Doppelte an Arbeitszeit in die Sammlung investiert (*). Für eine gute Sammlungsführung hätte ich die Zeit verdreifachen müssen. Wir haben eine umfangreiche Sammlung.
Sammlungsbetreuer mit weniger Hang zum Selbstzerstörerischen werden in Kauf nehmen, dass viele Geräte defekt, verlegt, zur Reparatur verschickt, ausgeliehen…… sind.
(*)Übrigens ist das kein beförderungswürdiges Engagement. Wen juckt schon, ob die Physiksammlung in Ordnung ist.
Lehrerin, Gymnasium, NRW
Gesendet am 21.05.2009 um 23:10
Liebe Moderatorinnen. Ich wurde von unserer Rektorin über Ihr Projekt informiert und möchte mit diesem Kommentar über meine positive Erfahrungen mit verschiedenen Anti-Mobbing-Programmen berichten. Ich unterrichte eine 7. Klasse (Gymnasium, NRW), in der ich als Lehrerin leider auch viel mit Mobbing konfrontiert wurde. So wurde z. B. ein Schüler so stark gemobbt, dass er die Schule wechseln wollte. Gezielt helfen konnten wir mit Anti-Mobbing-Projekten. Nach Offenlegung des Problems arbeiteten alle Schüler engagiert mit, bereit das Klassenklima zu verbessern. Die Schüler setzten sich mit den Gründen, Arten und der Auswirkung ihres Handelns auseinander. Potentiellen Tätern wurde gezeigt, was sie mit ihrem Verhalten ausrichten. Potentiellen Opfern wurden Wege gewiesen, aus ihrer Opferrolle zu entfliehen. Außerdem setzten wir uns auch im Rahmen eines Theaterstückes mit diesem Thema auseinander. Mittlerweile hat sich das Klassenklima sehr verbessert und auch der gemoppte Schüler ist aus der Opferrolle herausgetreten. Mobbing kann also meiner Meinung nach durchaus bekämpft werden. Nur Mut.
Referendar, NRW
Gesendet am 13.05.2009 um 7:01
Unglaublich, wie schlecht die Uni auf die Schulwirklichkeit vorbereitet. Man lernt nur theoretischen Mist, den man in der Schule unmöglich umsetzen kann. Ich habe zwei Experimentalfächer, habe aber an der Uni kaum Experimente kennengelernt, die sich in der Schule durchführen lassen. Alles war nur rein theoretisch. Hilfe, wenn man ein Problem mit dem Stoff oder auch mit den Schülern hat, bekommt man durch das Studienseminar nicht. Gerade im pädagogischen Bereich fehlen da ganz viel aus der Unterrichtspraxis, Vorlesungen und Seminare.
Lehrerin, Hauptschule, Baden-Württemberg
gesendet am 11.05.2009 um 23:25
Eigentlich ein Unding, aber wahr! Der Klassenteiler für Hauptschulen liegt in Baden-Württemberg nicht bei 30, sondern bei 32. Vor drei Jahren hatte ich das „Glück“ in einer Klasse dieser Stärke als Klassenlehrerin zu unterrichten. Meiner Meinung nach ist dieser Klassenteiler vollkommen inakzeptabel, denn er ist ein Garant für allerschlechteste Arbeitsbedingungen. Schwache Schüler bleiben hoffnungslos zurück. Falls Sie an meiner Aussage zweifeln, kommen Sie doch einfach einmal in einer Hauptschul-Abschlussklasse dieser Stärke hospitieren.
bsalutzki
bsalutzki.wordpress.com
birgit_salutzki@freenet.de
Gesendet am 08.05.2009 um 21:55
Unsere Antwort auf den Kommentar der Gesamtschullehrerin:
Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag. Sie haben völlig Recht – mit jammern ist niemandem geholfen.
Das ist auch nicht der Sinn unseres Projektes. Sie schreiben, dass Sie lieber Ihre Zeit verwenden, um konstruktiv an Missständen zu arbeiten. Genau das ist auch unsere Absicht.
Auch wir wissen von diesen Missständen und wollen diese aufdecken, damit neue Lösungsmöglichkeiten entstehen können. Doch ein Umdenken in der Bevölkerung kann man nur durch Aufklärung bewirken. Die positive Reaktionen vieler betroffener Lehrer zeigen uns, wie hoch die Brisanz dieses Themas und wie wichtig unser Blog ist.
Sie arbeiten seit 35 Jahren immer im Schuldienst, immer in Brennpunkten. Sie sind sich sicher, dass ihr Alltag anders aussieht, als Mann/Frau gemeinhin denkt. Genau das ist der Punkt! Die Öffentichkeit weiß nicht, dass Sie neben ihren anstrengenden Lehraufgaben zusätzlich gegen eine Vielzahl von Problemen kämpfen.
Unser Buch soll die Brücke von ihrem anstrengenden Beruf als Pädagogin zum interessierten Rest der Bevölkerung sein. Wir wollen die Probleme ihres Alltags sichtbar machen und mit Vorurteilen aufräumen. So können wir alle davon profitieren. Sie als Lehrerin, wir als Eltern, die Politik und natürlich unsere Kinder.
Wir würden uns freuen, wenn Sie uns bei Lösungsvorschlägen behilflich wären. Durch Ihre jahrelange Arbeit können Sie speziell Berufsanfängern helfen, den oft schwierigen Schulalltag zu bewältigen.
Viele Grüße
Ulla, Gesamtschule, 35 Jahre im Dienst
Gesendet am 06.05.2009 um 18:17
Natürlich sieht mein Schulalltag anders aus, als man/frau gemeinhin denkt….. zumal ich in Kreuzberg unterrichte an einer Gesamtschule, die eigentlich eine verkappte Hauptschule ist mit einer Schülerschaft,die fast zu 100% türkischer und arabischer Herkunft ist…..Natürlich könnte ich jetzt die ganze Litanei der Probleme und Schrecklichkeiten runterrasseln…Nätürlich könnte ich wüste Storys und höchst lächerliche Begebenheiten aus meinem Alltag erzählen und natürlich würde mich das auch momentan entlasten oder amüsieren…. ABER: wem nützt das? Hilft mir das weiter? Oder euch?
Lieber verwende ich meine Zeit an den Missständen zu arbeiten, in der Schule, der Politik, der Gewerkschaft, Elternverbänden usw. Ich bin übrigens seit 35 Jahren im Schuldienst, immer in Brennpunkten und sicher auch teilweise abgegessen und frustriert, aber Burn-out? NÖ! Arbeitet lieber konstruktiv, da kommt immer noch mehr raus, als hier abzujammern ….durch ein Buch wird sich NIX ändern! Eine naive Vorstellung….
Lehrerin, Grundschule, NRW
91.51.53.211
Gesendet am 04.05.2009 um 6:42
Ein großes Problem ist die erlaubte Klassenstärke. Ich unterrichte an einer Grundschule in NRW eine erste Klasse mit 30 putzmunteren Zwergen. Es frustriert mich jeden Tag neu, wie wenig Zeit mir dabei für die einzelnen Kinder bleibt. Ich würde so gerne näher auf meine Schüler bzw. Schülerinnen eingehen und diese individueller fördern. Aber wie soll mir das bei dieser extrem großen Klasse gelingen. Ich bin voller guter Ideen und Engagement, aber leider kann ich durch die schlechten Arbeitsbedingungen nur sehr wenig davon einbringen. Schwachen Schülern, die vom Elternhaus keine Unterstützung bekommen, wird so von Anfang an jede Chance genommen.
Lehrer, Gymnasium, 30 Dienstjahre
Gesendet am 03.05.2009 um 15:10
Ihr Umfragethema des Monats Mai erinnert mich an die Darstellungen des Lehrerberufs in den Zeitungen und Zeitschriften in den 80ern und 90ern. Es war keineswegs nur die bunte Presse untersten Niveaus, die sich damals an der Hetze gegen Lehrer beteiligt hat. I.A. seriöse Blätter konnten der Versuchung nicht widerstehen, Vorurteile und Stimmungen mit unsäglichen Artikeln zu bedienen. Was 20 Jahre lang so konsequent gepflegt wurde, hat sich tief eingegraben.
Ich habe noch eine Erhebung zur Achtung vor den Berufen in der Bevölkerung von etwa 1995 in Erinnerung. Das Erstaunliche daran: Die Grundschullehrerinnen lagen damals auf den obersten 5 Plätzen, die Gymnasiallehrer waren etwa bei Rang 30, kurz vor den Politikern. Konnte die Politik das als Erfolg verbuchen?
Diddi Hallervorden hat in einer seiner Comedy-Sendungen damals gesagt, dass er als Lehrer die Konsequenz ziehen würde, dann eben auch so zu sein, wie man von außen derart hartnäckig dargestellt wird. Weise Worte, die den Meinungsmachern gerade mal ….